Christmas Letter 1995

Im Advent

Our End-of-Year Letter - unser Weihnachtsbrief

Die Metamorphose der Natur is immer wieser erstaunlich hie in Wisconsin …. Die Farbenpracht des Indian Summer und heute, am 2. Advent, ist alles schneeweiß. Unser Außenthermometer zeigt - 22º C; bis auf das leise Pfeifen des Windes ist es still draußen. In unserem Haus ist es aber schön kuschelig warm. Heidi hat Adventsmusik "aufgelegt" - somit herrscht die richtige Atmosphäre, un-seren Freunden ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für 1996 zu wünschen.

Wir wußten, daß dieses Jahr 1995 sehr spannend werden sollte, daß es aber noch viel ereignisreicher wurde, kam uns nicht in den Sinn. Weihnachten 1994 war wohl unser letztes gemeinsames Familienfest mit den Kindern, und wir, d.h . Annemarei, ohne ihren Barrett, Mark mit seinen beiden geliebten Frauen, Lisa und Fritzi, und natürlich auch Heidi und Dietmar haben die Festtage vollen Herzens genossen. Während dann Anna zu Barrett zurück nach Washington flog, konnten wir Anfang Januar Mark und seine Familie mit in die Wärme Floridas nehmen, wo ja alljährlich die Eastern Association for Surgery of Trauma (EAST) tagt. Es war herrlich warm am Golf von Mexico auf Sanibel, in der Nähe von Fort Meyers. Die Aligatoren aalten sich in der Sonne nahe dem Inselwanderpfad.

Um der Gerechtigkeit willen, durften dann Annemarei und Barrett Ende Februar mit uns zur Tagung der Western Association for Surgery of Trauma (WEST) fahren. Dies sind alles Pflichtübungen für Dietmar! - aber glücklicherweise gut organisiert und mit viel Lebensqualität verbunden. WEST tagte nämlich in der Nähe des Yellowstone Parks, in Big Sky, ein Skigebiet in Montana, das nur wenige Wünsche offen läßt: 4000 m hoch, täglich frischen Pulverschnee, kein Warten an den zahlreichen Liften. Wir sind dort auch durch die hochverschneite Landschaft am Yellowstone River gewandert und haben viele Büffel in freier Natur gesehen. Büffel sind !riesige! Tiere! Als dann eine Büffelherde begann, das eiskalte Wasser in Richtung auf unser Ufer zu durchqueren, wurde es einigen Mitgliedern unseres Forscherteams ganz mulmig im Magen, der Fluchtweg war nämlich nur weite Prairie! Zum Glück machte dann die Herde auf einer Insel halt, und wir konnten aufatmend den Heimweg antreten.

Der nächste spannende Moment 1995 war Marks und Lisas "Matching Day" am 15. März. Das ist der Tag, an dem alle Residencies in den USA per Computer vergeben werden. Lisa wollte einen Platz in der Pädiatrie, Mark in der Chirurgie. Beide hatten von Dezember bis Februar viele Kliniken besucht, um sich vorzu-stellen. Der zentrale Computer "matchte" dann die Präferenzen der Bewerber mit denen der Ausbildungsprogramme. Wir wußten, daß der "Couple-match" schwierig werden würde. Das erste Ergebnis war dann auch entsprechend für Lisa und Mark: NO MATCH, weil die Wünsche des Paares und die der Programme nicht unter einen Hut gebracht werden konnten. Beide hätten also keinen Weiterbil-dungsplatz nach der Approbation gehabt, und mußten nun selbst aktiv weiter-verhandeln.

Wir verfolgten das alles von den Bermudas, wo wir in schönster Son-ne und Frühlingsluft an einer Tagung teilnahmen, bei der Dietmar den Vorsitz führte. Annemarei und Barrett waren auch eingeladen, weil Anna einen Poster-vortrag zu halten hatte. Die Telefonleitungen zwischen den Burmudas und Mil-waukee liefen heiß, die Spannung wuchs. Jeden Tag wurden von Mark und Lisa neue Kombinationen mitgeteilt und schließlich kam das Super-Endergebnis: beide sind in Denver untergekommen.

Sowohl das Chirurgie- als auch das Pädiatrie-Programm dort gehören zu den besten des Landes, und es hieß nun, alles für den Umzug nach Denver vorzubereiten, wo beide ihre neue Stelle Ende Juni antreten sollten. Dazwischen lag aber noch die "Graduation" zum Doktor der Medizin am15. und die Hochzeit am 27 Mai . Honeymoon wurde dann die Autoreise von Milwaukee nach Denver - etwa 1600 Km. Viele von Euch waren auf der wunderschönen Hochzeit dabei und wir brauchen hier nicht weiter zu berichten.

Für Annemarei und Barrett wurde das Frühjahr 1995 nicht weniger spannend. Beide hatten sich bei verschiedenen Medical Schools und Law Schools beworben, wollten aber natürlich gute Studienplätze am selben Ort finden. Zum Glück waren Annemareis Zeugnisse und Interview Ergebnisse so gut, daß sie unter mehreren Universitäten auswählen konnte. Dennoch landeten beide nicht ganz an dem selben Ort. Barrett studiert nun Jura an der University of Maryland in Baltimore und Anna Medizin and der University of Pensylvania in Hershey; beide Städte liegen etwa 2 Autostunden voneinander entfernt, und so sehen die beiden sich an den Wochenenden. Annemarei ist begeistert von ihrem Studium, bei dem sie von Anfang an patientenbezogen lernt. Sie wird mit echten Fällen konfrontiert, muß sie diagnostizieren und behandeln (theoretisch) und sich die Information dazu ausLehrbüchern und Einzelpublikationen holen, die über Datenbanken, wie Medline, per Computer zugänglich sind. Ich bin dann oft ihr Konsiliarius (Berater) , und das macht Spass. Just im Augenblick , wo ich dies schreibe, ruft sie an, und wir hören das Neueste über die mit Dickdarmkrebs asso-ziierten Gene, über die Aufnahme der vierschiedenen Nahrungsbestandteile in den verschiedenen Darmabschnitten und über den Unterschied zwischen Prävalenz und Inzidenz. Das nennt sich PBL = Problem-Bezogenes Lernen.

Das Jahr 1995 brachte nicht nur Gutes und wir alle, besonders aber Heidi muß-ten eine ganz traurige Erfahrung machen. Heidis geliebter Vater Emil starb an einem Malt Lymphom. Obwohl wir Anfang des Jahres nach der Diagnose zuver-sichtlich waren - diese Lymphome können mit Chemotherapie geheilt wer­den - plagte ihn im Mai bereits das Rezidiv . Heidi konnte am Tage nach Marks Hoch-zeit zwei Wochen bei den Eltern in Hamburg verbringen und bei ihrem Vater sein. Das Unvermeidliche geschah dann am 24. Juli. Emil glaubte bis zuletzt, daß er es schaffen würde und hat noch in der Woche vor seinem Tode die letzte "Cuddl Dutt" - Geschichte für die Zeitung geschrieben. Obwohl er eine schlichte Beerdigung im kleinen Familien- und Freundeskreis gewünscht hatte, war die Anteilnahme doch sehr groß und es gab viele liebevolle Nachrufe und tröstliche persönliche Briefe und er wurde auf dem Ehrenfriedhof der Geschwister Scholl Stiftung begraben. Emil war ein großer Mann, und von uns allen sehr geliebt. Er wurde zum Idol durch das, was er getan hatte, vielleicht weil er die Menschen so liebte.

Nachdem Heidi Ende August von Hamburg zurückgekehrt war, mußte sie schnell auf andere Gedanken kommen, da wir bereits 8 Tage später nach Portugal zum Kongress der Internationalen Gesellschaft für Chirurgie, dann nach Paris und Danzig flogen. Dietmar hatte an diesen Orten eine Reihe von Vortragsverpflich­tungen und Heidi konnte sich in Hamburg noch einmal um ihre Mutter kümmern, die ihren neuen Lebensabschnitt fest in beide Hände nimmt und den Alltag gut bewältigt.

Im November, zum wichtigsten amerikanischen Thanksgiving Fest haben wir dann die beiden frischgebackenen Doktoren der Medizin, Mark und Lisa, in ihrem kleinen Haus in Denver besucht. Denver liegt 1600 m über dem Meeres-spiegel, am Fuße der ewig schneebedeckten Rocky Mountains. Selbst im Novem-ber war es sommerlich warm, und man konnte im Hemd in den Parks spazieren gehen, was wir dann auch reichlich mit unserer Enkelin Fritzi gemacht haben. Mark und Lisa arbeiten hart - jede 3. Nacht Nachtdienst - und damit arbeitet Mark im Schnitt 108 Stunden die Woche und hat somit genügend Zeit, die Chirurgie in 5 bis 6 Jahren richtig zu erlernen. Lisa arbeitet nicht weniger. Zum Glück haben sie die 20-jährige Victoria als Nanny, und für nachmittags eine kleine Spielgruppe gefunden.

Nach dem schönen Thanksgiving ist Dietmar nach Graz geflogen. Und hier ist die andere Überraschung des Jahres 1995. Im Mai hatten die Grazer Chirurgen Dietmar gebeten, sich um die Nachfolge des Ordinarius zu bewerben. Obwohl wir hier in Milwaukee sehr zufrieden und glücklich sind und unsere Zukunft bis dato anders geplant hatten, konnte sich Dietmar dem "Ruf" nicht entziehen und sieht sich herausgefordert, seine Erfahrung auch den deutsch-sprachigen Chirurgen weiterzugeben. Daß dies mit chirurgischer Forschung auf dem Gebiet der Genetik verbunden ist, wie Dietmar das aus seinem jetzigen Umfeld kennt, hat dann die Grazer Chirurgen doch etwas erschreckt. Dennoch lief die Anhörung in Graz gut, aber das letzte Wort liegt beim Minister für Forschung und Lehre, der den Ordinarius ernennt.

Somit bleibt die Spannung noch einige Zeit gerhalten. Zu diesem Anlaß hat Dietmar in Graz liebe Verwandte, Brigitte und Günther Moik, wiederentdeckt. Dietmars Großvater stammt nämlich aus der Steiermark. Damit sollte es in diesem Jahr genug sein.

Liebe Freunde, wir hoffen viele von Euch im nächsten Jahr entweder in Europa oder aber hier zu Annemareis Hochzeit zu sehen.

Ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gesundes, friedliches wünschein wir Euch allen

Dietmar und Heidi