Im Advent
Die Wittmänner wünschen Euch ein Frohes Weihnachtsfest und ein erfülltes Neues Jahr. Die Wittmänner, das sind nicht nur die klassischen zwei US-Wittmänner und zwei Wittfrauen, das sind seit diesem Jahr mehr: Annemarei hat sich verlobt und Barrett Vitol, ein Jura-Asprirant aus Washington DC, ist ihr Ausersuchter und wir finden ihn alle toll. Beide haben, wie einige von Euch ja wissen, in diesem Jahr eine Fahrradtour durch Europa gemacht - Paris - Trier - Karden - Dörrebach -Hamburg - Berlin - Prag - Wien -Budapest - Transsylvanien - Bulgarien -Istanbul - Troja - Kos - Rhodos - Athen - Frankfurt -Washington. Das alles konnte natürlich nicht wie geplant ablaufen; Annemarei bekam Anfang Juli eine Gallenkolik und wir mußten ihr laparoskopisch die Gallenblase rausholen, was mit 8 Stunden Krankenhausaufenthalt abgetan war, allerdings die Europaradtour hinauszögerte. Sie hat ihre Collegezeit sehr erfolgreich hinter sich gebracht und trotz Doppelmajor, Biologie und Philosophie, mit Honors abgeschlossen. Im Nachhinein war die Collegewahl optimal und wir können St. Mary’s College of Maryland nur empfehlen. Annemarei bewirbt sich zur Zeit bei verschiedenen Medical Schools und das neue Jahr wird zeigen, wo sie landet.
Mark hat ebenfalls zum Familienwachstum beigetragen: Er hat seine Frau fürs Leben gefunden, Lisa Friedman, die wunderbar zu ihm passt. Am 6. Juli haben sie uns mit der Geburt von Frederike Marie zu glücklichen Großeltern gemacht. Fritzi entwickelt sich zum Riesen (über 95percentile), lacht viel und ist vorlaut, wenn sie Hunger hat; ich denke, das machen alle Babys so. Mark wird im Mai seinen Universitätsabschluß zelebrieren und gleichzeitig wollen beide eine große Hochzeit feiern. So ist es am Praktischsten für Freunde und Verwandte, die kommen wollen. Für Mark und Lisa wird das Jahr 95 ebenfalls Überraschungen bringen, denn beide haben sich an mehreren Universitäten zu Ausbildungsprogrammen für Fachärzte beworben und werden z.Z. interviewed. Mark will Chirurg, Lisa Kinderärztin werden. Wir sind gespannt.
Für Heidi und Dietmar hat das Jahr 94 außer den familiären Dingen einschließlich der Silberhochzeit nichts Weltbewegendes gebracht. Wir hatten schöne Tage in Rom und Neapel. Die Bahamareise im Januar war sehr enttäuschend, dagegen war unser alljährlicher Skiurlaub (mit Tagung!) auch diesem Jahr, nach Crested Butte in den Rockies, wieder wunderschön. Dietmar war außerdem beruflich in Indonesien und Thailand. Nach Peru und Equador konnte er Annemarei mitnehmen und beide hatten Spaß und Abenteuer!
Im Sommer wurde Dietmar Ehrenmitglied der Kolumbianischen Gesellschaft für Chirurgie.
Ja, viele fragen sich, ob wir uns noch wohl fühlen hier in Brookfield. Die Biber wurden mit Steuergeldern vernichtet, was einen kleinen Skandal in unserer Community bewirkte. Aber natürlich ist er weg, und der Biberbau sieht trostlos aus. Dafür haben wir immer mehr Hirsche im Garten, gerade jetzt, wo der See zugefroren ist. Es ist kalt und richtig winterlich mit viel Schnee, aber z.Z. klarem Himnmel. Mit den politischen Entwicklungen hier sind wir augenblicklich weniger happy. Nachdem Cinton so verheißungsvoll angefangen hatte, ist alles von den Lobbyisten, im Wesentlichen der Versicherungsindustrie und der National Rifle Association, mit den irrwitzigsten Argumenten zu Fall gebracht worden. Man kommt sich machmal wie in einem Kindergarten vor. Die im wesentlichen ignorante und wenig informierte Presse tut auf allen Kanälen das Ihrige dazu, den Amerikanern Überlegenheit, Zufriedenheit und simple Lösungsvorschläge zu vermitteln.
Nur wenige denken über die wahren Gründe des Mordens und der riesigen Unzufriedenheit der Bevölkerung nach. Für den weniger Agilen ist das Leben hier sehr hart und der Fall in einem unbedachten Augenblick sehr tief - und der Trost, daß man ja leicht auch das große Glückslos erwischen kann, ist kein Trost, denn die meisten sind nicht gebildet genug, um den “Glückstreffer" in Glück zu verwandeln. Einen Hauch dessen, was sich in der US-Bürokratie abspielen kann, spürt man, wenn man das Monumentalwerk von Mr.and Mrs Clinton's Health Care Reform betrachtet. Dabei wären nur zwei Gesetzesänderungen nötig: Pflichtversicherung und Transformation der Versicherungkonzerne in echte Versicherungen, die nicht diskriminieren dürfen, d.h. die alle Menschen unabhängig von ihrer Vorerkrankung versichern müssen. Uns war es unfaßbar, daß z.B. 60 % der Wähler in Milwaukee gegen Waffenkontrolle stimmten ! Manche sagen, nur so könne man sich gegen den Staat schützen, wir denken aber, daß die Kampagnen der Rifle Assocoiation der wahre Grund sind. Die Diskussion um eine durch Prüfung erworbene Lizens zum Waffenbesitz kommt erst gar nicht auf. Vieles an der großen Politik stört uns, aber mit unserem täglichen Leben hier sind wir zufrieden.
Der Brief ist etwas zu lang geworden, aber wir hoffen dennoch nicht zu langweilig. Das Negative in unserem Bericht soll Euch nicht abhalten, Euren nächsten Besuch bei uns zu machen, hier ist es sehr schön, wir haben genügend Platz und Ihr seid willkommen.
Ein fröhliches Weihnachtsfest und ein gesundes, friedliches Jahr 1995.
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